Kategorie-Archiv: Kapitel 1 – Brief an meinen Bruder

Kapitel 1 – Brief an meinen Bruder

Im Verlauf des Buches schreibt Luna kurze Briefe an die Ihr wichtigsten Personen. Es beginnt nach Kapitel 1 mit einem Brief an ihren Bruder.

„[…] Bis ich drei Jahre alt war, warst Du mein Gott. Danach, nachdem ich gelernt hatte, dass ich vergänglich bin, habe ich den Schutz für Dich übernommen. Ich gab Dir meine Ruhe, meinen Trotz und meinen Verstand. Ich gab Dir vor allem meine Gefühle. So wurde ich neun Jahre alt und lernte körperliche „Liebe“, die ich nicht verstand und nicht haben wollte. Aber ich schützte Dich. So lange ich konnte. Nach dem Tod von Mama 2006 konnte ich es nicht mehr. Ich liebte Dich abgöttisch. Ich verließ mich auf Dich. Ich eiferte Dir nach.
Und Du hast mir gegeben, was ich niemals wollte. Warum hast Du das getan?
Ich lebte in Angst, meine Emotionen gingen falsche Wege und mein Vertrauen in das Geliebt-sein wurde erschüttert, bevor es sich aufbauen konnte. Warum hast Du das getan?
Keine Geschwister auf der Welt hatten sich so lieb wie wir. Warum hast Du mich nicht Kind sein lassen? Warum wolltest Du mir Deine „erwachsenen“ Gedanken und Gefühle aufdrängen? Warum musstest Du Dir beweisen, dass Du funktionierst? Warum hast Du MICH „geliebt?“
Mein natürlicher Glaube wurde mir durch Dich genommen. Meine Unschuld wurde mir durch Dich genommen. Aber durch Dich lernte ich auch, mich zu absentieren. Durch Dich lernte ich, später Aidans Folter zu widerstehen. Aber… was wäre gewesen, wenn Du mir nicht das Erwachsenwerden genommen hättest?
Wäre Aidan dann gewesen? Wäre mein Sohn dann gewesen?
So weiß ich also nicht, was gut oder was schlecht war. Und ich weiß es heute noch nicht. […] „

COPYRIGHT PONDERER_final-3