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Kapitel 3 – Verloren

In Kapitel 3 erfährt der Leser ein wenig über Lunas Vergangenheit und über den Alkohol. Der Fokus liegt auf einer der vielen „Erfahrungen“, die sie in ihrer Kindheit machte:

(Vorsicht, kann triggern!)

[…] Luna erhebt sich mit Mühe von ihrem Stuhl, wendet den Blick ab vom Monitor in den Garten hinaus. Sie öffnet die Balkontür und zündet sich eine Zigarette an. Sie raucht nicht im Haus. Die Sonne wirft goldene Strahlen über den Rasen, zerteilt sich zwischen den Ästen hindurch. Sie sieht es, kann es beschreiben, aber nicht fühlen. Also geht sie wieder hinein und gießt sich einen Wodka-Orange ein. Sie kippt ihn herunter und lässt einen zweiten folgen. Jetzt merkt sie den Alkohol in ihrem Magen. Er macht ein warmes Gefühl. Ein dritter Wodka. Sie geht wieder hinaus, zündet sich noch eine Zigarette an. Sie registriert die Sonne in den Bäumen, aber sieht die Bäume nicht. Sie registriert das Grün der Koniferen, aber sie sieht den Garten nicht wirklich. Sie weiß, dass der Alkohol ihr die falsche Wahrnehmung beschert. Aber sie ist auch nicht bereit, etwas daran zu ändern. Das Telefon klingelt. Endlos. Sie geht nicht dran. Es klingelt wieder. Sie möchte mit niemandem reden. Denn wer immer am anderen Ende ist könnte ihr sagen, dass es nicht gut ist, was sie tut. Dass Alkohol keine Lösung ist. Sie weiß es selber und schüttet sich den vierten Wodka ein. […]
Es klingelt wieder und auf ihrem Monitor sieht sie, dass es Giorgio ist. Sie kann nicht dran gehen, alles in ihr sperrt sich dagegen. Wenn sie die Zuneigung hört, die Menschlichkeit, wenn sie die Möglichkeit von Sanftheit in sich verspürt, dann muss sie sich dagegen wehren. Denn sie ist es nicht wert, Liebe zu empfangen. Nicht wert, dass sie jemandem wichtig ist. Weil sie vieles in ihrem Leben falsch gemacht hat. Sie hat vieles zugelassen, was nicht hätte sein dürfen […] Sie ist müde und angeschlagen von der halben Flasche Cognac, die sie im Laufe des Abends getrunken hat. Die Euphorie ist dahin, was bleibt ist die unhaltbare Sehnsucht nach dem Tod, nach dem Ende der Quälerei, des Ungewissen. Und sie möchte, dass das angstvolle Warten ein Ende hat. So angstvoll, wie sie auch in ihrer Kindheit gewartet hat, wenn sie in ihrem Kinderzimmer im Bett lag und nie wusste, ob sich heute Abend noch die Tür öffnen würde.
Und der Schlag im Magen, der Druck auf ihrer Brust, wenn sie sich dann wirklich öffnete und er hereinkam. Und immer hat sie sich bereitwillig ausgezogen, sich ausziehen lassen, streckte und räkelte sich vor ihm, ließ ihn seinen, für sie schweren Körper, auf ihr arbeiten oder auch ruhen.
„Ist das schön?“ fragt er. Sie bejaht, denn sie weiß, dass ihn diese Antwort stolz macht. Sie weiß, dass es für ihn wichtig ist. Aber in ihr zieht sich alles zusammen, sie spürt wieder den säuerlichen Geschmack in ihrem Mund, die Vorboten der Übelkeit.
Und oft musste sie diese Dinge tun, ihn befriedigen, ihn sie berühren lassen, sie erforschen lassen, während sie angestrengt und voller Angst auf jedes Geräusch außerhalb ihres Zimmers lauschte.“

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