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Kapitel 5 – Stammtisch – Alkohol Reloaded

Luna geht wie jeden Donnerstag zum Stammtisch. Die Spirale ihres Alkoholkonsums windet sich immer enger werdend durch ihren Körper und frisst sich doch immer wieder in den Windungen ihres Hirns fest … ein typischer Stammtisch im Februar 2008…

[…] Es ist Donnerstag. Donnerstags geht Luna abends immer zum Stammtisch. Sie freut sich darauf. Denn es wird Alkohol geben, sie wird Menschen sehen, die ihr etwas bedeuten. Auch Menschen, denen sie mehr Gefühl entgegen bringt, als sie dürfte.
Luna bringt ihren Arbeitstag hinter sich, geht etwas früher nach Hause. Sie möchte genug Zeit haben zu duschen, sich anzuziehen und ein wenig vorzuwärmen, mit ein paar Gläsern Cognac.Gegen halb vier trinkt sie ihr erstes Glas und direkt ein zweites hinterher. Jetzt fühlt sie sich ein wenig leichter. Luna muss ein wenig lachen über sich, der Cognac sorgt dafür, dass sie sich – so entblößt unter der Dusche – nicht gar so unattraktiv und unscheinbar vorkommt. […]
Ins Handtuch eingewickelt geht sie an die Hausbar und gießt sich den dritten Cognac ein. Sie setzt sich eine Weile hin, um ein wenig zu trocknen. Danach das vierte Glas, denn jetzt muss sie sich eincremen. Das ist für sie oft schwierig, sie kann sich selber kaum im Spiegel anschauen. Sie findet sich viel zu dick, zu unförmig und hässlich, einfach verdammt unattraktiv. Heute geht es ganz gut. Sie beendet die Prozedur, zieht sich schnell etwas über und steuert wieder die Bar an. Mit dem fünften Glas Cognac geht sie in ihr Zimmer, schaltet den PC an und legt eine DVD ihrer eigenen Band ein, mit der sie früher jahrelang Musik gemacht hat.
Das sechste Glas erleichtert ihr das Weinen über vergangene Zeiten und ihre heutige Unzulänglichkeit. Und langsam wird es Zeit, sich fertig zu machen. Sie nimmt ihre Lieblingskleidung aus dem Schrank. Eine einfache Jeans, ein weißes Hemd. Dazu Turnschuhe und die Jeans-Jacke. Nichts besonderes, aber sie fühlt sich sicher darin, achtet auch darauf, dass man nicht zu viel ihres Dekolletés sieht. Das wäre ihr unangenehm, es käme ihr billig vor.
Gut gelaunt, fast euphorisch durch den Alkoholgenuss, geht sie zu Fuß zu ihrer Stammkneipe. […] Sie findet schon mehrere ihrer Freunde vor. Sie bestellt das übliche, den „flotten Dreier“: Cognac, Bier, Wasser. […]
Sie ist gut drauf, schlagfertig. Ihr bissiger Humor sorgt für gute Laune, die Kebbeleien gehen hin und her. Das macht ihr Spaß, sie fühlt sich sicher, angenommen und fähig.
Der Abend schreitet voran und aus dem ersten Cognac werden sieben, aus dem ersten Bier unzählige. Mit einem Mal kommt der Punkt, an dem sie die Dunkelheit und den Abgrund unter sich bildlich vor sich sieht. […]
[…] Mit letzter Kraft steht sie langsam auf, sie sucht ihr Gleichgewicht und geht, innerlich unsicher, aber nach außen hin gerade, auf die Toilettentür zu. Sie ist froh, als sie die Tür hinter sich schließen kann und schaut in den Spiegel.
Was ihr entgegenblickt erschreckt sie. Tiefe Augenringe, blasse Haut, die Haare sind stumpf, glänzen nicht mehr. Ihre Mundwinkel sind herabgezogen, die steile Falte über der rechten Augenbraue ist sehr stark sichtbar. Sie weicht zurück, stößt rücklings an die Wand und lässt sich herunterrutschen auf den glatten Boden. Ihr ist egal, ob der Boden sauber ist. Das Zeitgefühl hat sie völlig verloren, sie sinkt in sich zusammen und schlägt den Hinterkopf rhythmisch gegen die Kacheln. Sie möchte nur noch sterben. Tot sein. Das hämische Lachen, die Gemeinheiten, die gefühlte Verfolgung hinter sich lassen. Luna fühlt sich unwert, abgelehnt, unfähig ein Leben innerhalb der Norm zu führen. […]

[…] Inzwischen kann sie wieder sitzen, ohne dass der Körper nachgibt. Sie legt den Kopf auf die Arme und weint ohne Hemmungen und ohne Unterlass. Ihr weißes Hemd ist nass, vom Bier und von den Tränen. Sie glaubt, sie müsse alles Schmutzige, alles Falsche, alles Angst machende aus sich heraus weinen, doch es gelingt ihr nicht.
Arme halten sie fest. Mehrere. Sie weiß noch nicht einmal, wessen Hände es sind, die sie spürt. Es ist ihr egal. Alles ist ihr egal. Sie möchte nur noch einschlafen und niemals mehr aufwachen. Zwei ihrer Freunde sind noch bei ihr, möchten sie nicht allein lassen. Als sie sich ein wenig beruhigt hat, wird sie von ihnen in die Mitte genommen und nach Hause gebracht. […]

Versuch einer Theorie von Giorgio:
Liebe Luna,
ich bitte Dich, das nachfolgende nur als einen dilettantischen Gedanken, als reine Hypothese von mir zu bewerten und ihn Dir nicht unreflektiert zu eigen zu machen! Es ist durchaus möglich, dass alles bei Dir alleine durch Alkohol beeinflusst wird…
Gedanke:
Es gibt außer den von Dir / Euch selbst erwähnten „Gefährten“ noch eine wichtige Partnerin in Euch und ihr Wesen ist für mich sehr positiv besetzt. Ich will einfach einmal den fiktiven Namen U für sie vergeben…
U nimmt an Eurem Erleben dauernd teil, Ihr habt sie aber schon lange aus der Interaktion mit der Umwelt ausgeschlossen, Ihr habt ihre Stimme so lange überhört, bis sie Euch gegenüber verstummt ist. Jetzt tritt sie nur noch in seltenen Fällen in Interaktion, aber sie schließt Euch davon aus, weil sie meint, Ihr wollt sie nicht mehr hören (oder spüren). Sie versucht, Euch in Notfällen zu unterstützen, zu schützen, so eine Art Airbag für Eure Psyche. Mit emotionellen Rührungen (vorzugsweise nach Alkoholgenuss) wird U „geweckt“ und versucht, Euch zu „moderieren“ und beeinflusst dann auch Eure Diktion. In Mails oder im chat.
Danach habt Ihr aufbegehrt gegen diese Emotionen und U hat Euch „zu Boden geschickt“ und hat Euch voll Euren Emotionen überlassen.
Aber noch einmal in aller Deutlichkeit: Es ist nur eine dilettantische Theorie von mir!
Auch wenn das alles so wäre, macht es das Problem nicht größer, es gilt, alle diese Personen in Euch wieder in einer Person zu vereinen. Dabei werde ich jede Unterstützung liefern, die ich bieten kann.
Ich umarme Euch!
Euer Giorgio

Und wieder hat U sie heute Abend zu Boden geschickt, wie so oft in letzter Zeit. Wieder wurde sie heute Abend überwältigt von etwas, das sie nicht kennt. Sie liest Giorgios Theorie immer wieder und weiß, dass sich eine Wahrheit darin verbirgt. Im Moment macht ihr das nur Angst, denn sie kennt den Kontrollverlust. Beim Trinken, beim Fühlen und dann, wenn sie am Boden liegt. Sie kennt den Verlust der inneren Schwerkraft, das sich Hingeben müssen, weil der Abgrund zu tief ist. Der Sog zu stark, der Strudel zu reißend. Es ist ein körperliches Gefühl, das aus der Seele kommt. Es scheint, sie wird von der Sitzfläche ihres Stuhls eingepfercht. Es wird eng, sie schnappt nach Luft, hat Angst, zu ersticken. Nach einer Weile geht dieses Gefühl vorbei und weicht einer endlosen, bodenlosen Traurigkeit. Sie erhebt sich, schaltet den PC aus und schleppt sich ins Bett. Mit dem Gedanken an Giorgio.
Im Traum schleppt sie sich hin und her, von ihrem Zimmer ins Schlafzimmer. Hin und wieder zurück. Das Gesicht ihres Lebensgefährten, das sie im Traum neben sich sieht, gleicht einer Karikatur ihres Peinigers aus ihrer Kindheit, Sie dreht sich um, möchte es nicht sehen, aber es bleibt. Das Gesicht lächelt sie an, unsichtbare Hände reißen ihre Bettdecke weg und vergewaltigen sie. Und sie ist immer noch so träge, auch im Traum, sie kann sich kaum bewegen, spürt aber auch keinen Schmerz, nur einen unbeschreiblichen Ekel. Sie schaut in sein Gesicht und schüttelt ihren Kopf, schüttelt ihn so lange, fixiert sein Gesicht so lange, bis sie aufwacht. Sie ist schweißnass und ihr Herz scheint mit Gewalt gegen ihre Rippen zu schlagen, als wolle es aus ihr herausspringen. […]  […]Aber sie muss aufstehen, kriecht auf allen Vieren ins Bad und übergibt sich in die Toilette. Einmal, zweimal, dreimal. Dann legt sich die Übelkeit. Sie kniet noch eine ganze Weile auf dem Boden und stützt sich mit den Unterarmen auf den Beckenrand. […] Als sie sich erheben kann, wankt sie zur Bar und schüttet einen Cognac herunter. Er brennt höllisch in ihrem Magen, aber auch das ist ihr egal.
Als sie den Alkohol ihren Magen herunter rinnen spürt, geht sie vorsichtig, Schritt für Schritt, ins Schlafzimmer zurück, legt sich hin und schließt sie Augen. Dieses Mal nimmt sie ihre Träume nicht wahr. Sie schläft.

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