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Kapitel 7 – Kokoscremefüllung

In diesem Kapitel erzählt Luna vom Tod ihrer Mama im Februar 2006.

[…] Luna bäckt eine Schokoladentorte mit Kokoscrèmefüllung. Die mag ihre Mutter besonders gerne und Luna hofft, sie damit zum Essen bewegen zu können.
Es ist halb drei nachmittags, die Torte steht bereit, Lunas Lebensgefährte und ihr damals neunzehnjähriger Sohn machen sich fertig zum Gehen. Um drei Uhr wollen sie sich mit
Lunas Vater im Krankenhaus treffen. Um fünf Minuten nach halb drei geht das Telefon,
Lunas Vater ruft an. „Meine Lieben,“ sagt er, „ich muss euch sagen, dass Eure liebe Mutter und Oma eben gestorben ist.“ Das war typisch für ihren Vater, diese Ausdrucksweise, wenn er besonders bewegt ist.
„Was?“ fragt Luna. Sie versteht nicht. Will nicht verstehen. Die Stimme ihres Vaters kämpft mit den Tränen. Luna sagt: „Wir kommen zum Krankenhaus. Wir kommen.“
Ihr Lebensgefährte fährt, Luna schafft es jetzt nicht. Sie betreten das Krankenhaus, dessen Intensivstation Luna schon so gut kennt, und fahren in den dritten Stock. Luna steht vor der Zimmertür ihrer Mutter und klopft leise. Sie hört ein leises „Ja“ ihres Vaters und öffnet die Tür.
Auf dem Nachttisch steht ein Strauß zweifarbiger Tulpen, die ihr Vater noch mitgebracht hat. Und ein sonnengelbes brennendes Teelicht. Die Schwestern haben es dort hingestellt. Ihre Mutter liegt im Bett, die Decke ist bis zur Brust hochgezogen. Sie sieht aus wie immer. „Darf ich sie berühren?“ fragt Luna ihren Vater. „Natürlich!“ sagt er.
Luna setzt sich auf die Bettkante, streichelt zögerlich das Gesicht ihrer Mutter und registriert, wie weich und jung sich ihre Haut anfühlt. Sie legt eine Hand an die rechte Wange ihrer Mutter und denkt: „Es tut mir leid! Es tut mir so leid!“ Ihr Sohn kommt zu ihr, mit Tränen in den Augen. Er hat seine Oma sehr geliebt, ist zum Teil bei ihr aufgewachsen. […]

Später ist Luna wieder zu Hause. Ihr Sohn trifft seinen besten Freund. Luna weiß, dass er dort gut aufgehoben ist.

[…] Sie gießt sich einen dreifachen Cognac ein, wankt zur Couch und macht die Stereoanlage an. Sie setzt sich die Kopfhörer auf und legt ihre Lieblings-CD ein, „In the Eye of the Storm“ von Roger Hodgson. Je lauter, desto besser. Die ganze CD hindurch kann sie hemmungslos weinen, schreit ihre Wut in stummer Artikulation heraus. Tanzt dazu, bewegt sich, lacht über sich, wenn sie torkelt. Luna genießt die Ambivalenz ihrer Gefühle, das Weinen, das innerliche Schreien, das Tanzen, das Zusammensacken.
Es hat für sie etwas Ekstatisches, etwas Perverses, wenn sie sich im Rhythmus bewegt. Niemals zuvor hat sie es so gefühlt, spürt aber, dass es in diesem Moment unpassend ist. Doch die Hemmschwelle ist lange überwunden, sie fühlt etwas in sich, das sie nicht kennt. Sie möchte es als Sehnsucht bezeichnen, doch das kommt diesem Gefühl nicht im Entferntesten nahe. Sie setzt sich wieder und lässt dieses Gefühl auf sich einwirken. Es ist eine Art innere Anspannung, sie beinhaltet Hemmungslosigkeit, Freiheit, Sehnsucht, Mitleid, Zweifel und Perversion. Sie kann damit nichts anfangen, empfindet es und schiebt es dann gedanklich weit von sich. […]

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