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Kapitel 9 – Robert

Luna erinnert sich an Robert. Ihren ersten Freund. Er hat sich umgebracht.

[…] Heute Nachmittag, gegen 15:00, kommt ihr Lebensgefährte zurück! Das wird ihr schmerzlich bewusst und sie quält sich ins Badezimmer, fällt dabei über ihre eigenen Füße, als sie versucht, die Kurve zu kriegen. Sie geht zurück, zieht sich komplett aus und stellt sich vor den Spiegel im Schlafzimmer. Betrachtet eingehend ihren Körper. Das kann sie sonst nicht, aber jetzt ist es ihr egal, denn was hat sie noch zu verlieren? Ihren Verstand hat sie schon hinter sich gelassen, denkt sie. Sie registriert ihre Körperfülle, ihre großen Brüste, ihren Bauch, den sie abgrundtief hasst. Sie sagt „Scheiße“ in den Spiegel und geht langsam ins Badezimmer, um sich zu duschen. Heute bleibt es nur beim Abseifen mit dem Schwamm und sie cremt sich mit viel Mühe danach ein. Mehr, weil es sein muss, als dass sie es will. Zum späten Frühstück kocht sie sich ein Ei, macht sich Tee und isst danach noch einen Toast mit Erdnussbutter und Marmelade. Eigentlich viel zu viel um ihrer körperlichen Fülle Herr zu werden. Danach legt sie sich wieder auf ihr Bett und lässt den gestrigen Abend an sich vorüberziehen. Und wieder überkommt sie dieses Gefühl, das Dringende, das Fressende. Sie macht das Radio an. Genesis läuft, wie passend! Sie dreht sich auf den Bauch, klemmt sich das Kissen zwischen die Beine und wiegt ihre Hüften im Takt vor und zurück. Sie denkt an Giorgio, der ihr immer wieder gesagt hat, sie solle vielleicht in eine Klinik gehen. Sich mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Was wäre die Alternative? […]

[…] Am Nachmittag fährt Luna zum Bahnhof um ihren Lebensgefährten abzuholen… […]

[…] Völlig in Gedanken ist sie auf einmal mitten in der Stadt, hat gar nicht darauf geachtet, wo sie hin fährt. Sie fährt an die Seite, hält an, muss tief Luft holen. Sie schaut nach rechts und sieht das Café. Das Café, in dem sie oft mit ihrem Freund Robert gesessen hat. Robert ist schon seit mehr als 18 Jahren tot. Er hat sich aus dem Fenster seiner Wohnung in den Tod gestürzt. Luna bekommt Tränen in die Augen und fragt sich, wieso sie gerade dort gelandet ist. Sie denkt zurück an die vielen Gespräche, die Wärme, die Verrücktheit, die Intelligenz ihres Freundes und wünscht sich nur, ihn noch einmal in den Arm nehmen zu können. Er war ein hochbegabter Mensch, hatte ein Faible für Schauspielerei. Mit Robert konnte Luna sich über alles unterhalten, Musik, Bücher, Politik, Sex, Gefühle. Er war der einzige Mensch in Lunas Leben, dem sie sich öffnen konnte. Inzwischen weint sie sehr und sieht Roberts Grab vor ihren Augen, sieht sich dort stehen, wie sie es regelmäßig mehrmals im Jahr tut. […]