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Kapitel 10 – Angstvolle Erinnerung

Im zehnten Kapitel ist es kurz vor Lunas Besuch bei Giorgio und Gitty. Sie ist sehr instabil und erinnert sich an einen der unzähligen Vorfälle mit Aidan. Sie haben wie fast immer einen elenden Streit, der auch in körperliche Gewalt ausartet. Luna verlässt die gemeinsame Wohnung und setzt sich im Park gegenüber auf eine Bank. Sie ist betrunken und stoned genug, um dort schlafen zu wollen.

[…] Eine Gruppe ausländischer Jugendlicher kam irgendwann des Weges. Sie scharten sich gleich um Luna. Einer versuchte, an ihre Hosentaschen zu gehen, wahrscheinlich in Erwartung von Geld. Luna hatte noch genug Alkohol intus um ihm ins Gesicht zu schlagen, eigentlich mehr aus Wut, als aus Furcht. Seine Freunde lachten ihn aus, einer davon gab Luna eine Ohrfeige, sie beschimpften sie dann in einer ihr unbekannten Sprache. Danach gingen sie weiter. Luna hatte große Angst und dann sah sie Aidan auf dem Balkon, hörte ihn herüber grölen, „Siehst Du, Du Fotze, so geht es, wenn Du Dich nicht benimmst!“ Luna nestelt in ihrer Hosentasche herum um ein Taschentuch herauszuholen, sie muss weinen, schnäuzt sich und steckt das Taschentuch wieder ein. Erst da bemerkte Luna, dass sie ihren Wohnungsschlüssel vergessen hatte. Sie blieb einfach sitzen, wo sie war, ihr war alles egal. Es dämmerte mittlerweile schon. Eine gefühlte Ewigkeit später kam Aidan endlich. Luna war total durch gefroren, wollte nur ins Bett. Aidan sagte: „Du darfst sofort ins Bett“. Es würde nur ein bisschen „Arbeit“ kosten. Was sollte sie tun? Sie ist mitgegangen, Aidan hat dann mehrmals versucht sie zu vergewaltigen, obwohl er eigentlich körperlich nicht mehr dazu in der Lage war.
Luna hat in dieser Nacht nicht mehr geschlafen, denn sie musste um sechs wieder zur Arbeit gehen. Sie fühlte sich dreckig, beschmutzt, unausgeschlafen. Sie dachte, jeder würde ihr ansehen, was sie mit sich hat machen lassen. […]

In einer Mail an Giorgio erklärt sie ihre Angst.

[…] Mail an Giorgio:
„Es ist wie eine Welle, die im Zeitlupentempo innerhalb von Stunden über mir zusammenschlägt und mich dann am Boden liegend findet. Morgens, nach dem Aufstehen, ist es nur ein dumpfes Gefühl der Beengtheit, des Eingesperrt-Seins. Mehr (vor)ahnend, dass es nicht gut enden wird. Im Laufe des Vormittags beginnen die Schmerzen. Sie wachsen aus dem Magen heraus, drücken auf den Solar Plexus. Zwängen sich an meinem (manchmal stechenden) Herzen vorbei und blockieren die Kehle. Rauben mir die Luft und lassen mein Herz und meine Rippen pumpen. Die Angst hat mich komplett im Griff, ich weiß nicht, was mit mir geschieht. Gegen Mittag fühle ich mich unruhig, gespannt, nervös. Kann nichts essen. Und die Übelkeit beginnt. Am frühen Nachmittag wird es dann unerträglich. Innerlich zerspringe ich. Ich musste mich heute zweimal übergeben. Aus Angst.
Aus maßloser, unverhältnismäßiger, unkontrollierbarer Angst!
Und gleichzeitig sind die Zweifel da, die genau so stoisch nagen und um keinen Deut abweichen wollen in diesen Momenten. Ich bin so aggressiv, gegenüber mir selbst und auch gegenüber meinen Mitmenschen. Bin maßlos, gemein, sicherlich kein Vorbild mehr! Ich bin zu dieser Zeit „unkontrolliert“. Wir beide, Luna und Lunetta, sind nicht mehr auseinander zu dividieren. Denn es ist keine Kontrolle mehr da, über die Gefühle. Ich bin am Boden. Kann nicht mehr.“ […]

Noch ein Tag, bevor sie in den Zug steigt, um Giorgio und Gitty das erste Mal zu treffen.

[…] Am Karfreitag morgen erwacht sie sehr spät. Sie macht für ihren Lebensgefährten und sich erst gegen halb zwölf Frühstück. Schon jetzt hat sie diese grummelnde Angst im Bauch. Sie muss heute die Tasche packen. Am Samstagvormittag fährt ihr Zug – 400 km weit nach Süden.
Quälend langsam holt sie die Reisetasche aus dem Schrank. Es ist erst Mittag aber sie gießt sich den ersten Brandy ein. Stellt ihn auf die Fensterbank im Schlafzimmer und legt die Tasche auf das Bett. Sie hat sich eine Liste gemacht mit den Dingen, die sie mitnehmen muss. Sie sieht die Liste noch einmal durch und trinkt den ersten großen Schluck. Es brennt an allen Schleimhäuten, im Magen, im Mund. Luna zittert, ihre Hände gehorchen ihr nicht. Schnell der zweite große Schluck. Dann beginnt sie, einzupacken. Unterwäsche, Socken, Hosen. Zwei Hemdblusen, einen Pullover. Das Ladegerät ihres Handys und natürlich den iPod. Ein paar Accessoires und Waschzeug. Sie ist schnell fertig und es bleibt ihr nichts anderes mehr, als weiter zu trinken. Gegen 17:00 kocht sie etwas für sich und ihren Lebensgefährten und macht eine Flasche Wein auf. Sie trinken vor dem Essen noch einen Sherry. Einen Aperitif. Alles, was Alkohol hat, nimmt Luna an, er hilft ihr, die Zeit zu überstehen. Nach dem Essen packt sie noch ihre Umhängetasche mit allen wichtigen Dingen. Portemonnaie, Schlüssel, Fahrkarte, Zigaretten, Feuerzeug, Handy, etwas zum Lesen. […]

[…] Sie geht heute früh ins Bett. Müde vom Träumen, vom Herumlaufen und von dem andauernden Schauspiel, das sie jeden Tag auf ein Neues für ihren Lebensgefährten aufführt. Nur um ihm den Eindruck zu vermitteln, dass sie selbstsicher ist. Und um für sich selbst die Illusion aufrecht zu erhalten, dass sie Kontrolle über ihr Leben hat, eine Kontrolle, die sie früher einmal abgegeben hatte und deshalb nie mehr abgeben will. Gleichzeitig ist sie ihrem Lebensgefährten unendlich dankbar, dass er ihr die Möglichkeit und das Vertrauen gibt, sich selbst zu suchen. Sie liebt ihn. Für seine Bodenständigkeit, seine Treue und seinen Humor.
In dieser Nacht träumt sie, sie könne endlich fliegen, wirklich unendlich frei fliegen. Und es geht ihr gut dabei. […]

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