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Kapitel 11 – Giorgio

miri-rose_bearbeitet-1Es ist Ostersamstagmorgen. Luna wacht auf und spürt die elenden Nachwirkungen des Alkohols. Heute geht es los, nach Süden, zu Giorgio und seiner Frau Gitty. Am Dienstag Morgen hat sie einen Termin in der Klinik.

[…] Ihr Lebensgefährte bringt sie zum Bahnhof und wartet mit ihr auf den Zug. Da erst merkt Luna, wie gern sie da bliebe, bei ihm. Wie sehr sie ihn vermissen wird, wie wichtig er für ihre Bodenhaftung ist, und sie muss ein wenig weinen. Lehnt ihren Kopf an seine Schulter. „Ich liebe Dich“, sagt sie, und es ist die Wahrheit.
Der Zug fährt ein, ein letzter Kuss und Luna steigt ein in den Horror-Zug, der sie irgendwo hinbringen wird, wo sie nichts und niemanden kennt. Sie sitzt auf ihrem Platz. Sie schwitzt vor Nervosität und als der Zugbegleiter kommt und ihr Ticket sehen will, fällt ihr alles unter den Sitz. Sie muss auf die Knie gehen, um ihr Portemonnaie hervorzuholen. Sie zittert unkontrolliert, ihr Mund ist trocken und die Augen brennen. Es ist pure Angst, die sie verspürt. Der Zugbegleiter schaut sie etwas seltsam an, „sicher denkt er, ich bin sturzbetrunken“, sagt Luna zu sich und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Auf ihrer Fahrt nach Süden muss sie dreimal umsteigen. Das hält sie auf Trab, lässt sie etwas tun. Die Fahrt ist recht angenehm. Kein Gedränge, nette Sitznachbarn.
Am frühen Nachmittag ist sie kurz vor ihrem Ziel. Luna schält sich aus dem Sitz, zieht ihre Jacke an, kämmt sich noch einmal durch das Haar und positioniert sich an der Tür. Es dauert noch eine Weile, bis der Zug in den Bahnhof einfährt und voller Unruhe und Angst hört Luna das Quietschen der Bremsen und die Lautsprecher auf dem Bahnsteig. Jetzt! Jetzt muss sie aussteigen, allem ins Gesicht sehen. Gut, dass sie vorher ein Foto geschickt hat, so wird man sie vielleicht erkennen.
Sie geht unsicher die Stufen des Waggons hinunter und schaut sich um. Dort hinten, ein Stück weiter weg, dort stehen sie! Sie erkennt sie sofort, auch sie wird erkannt. Luna wird umarmt und willkommen geheißen, Giorgio nimmt ihr die Tasche ab und sie gehen zum Aufzug. Fragen nach der Fahrt überbrücken die erste Verlegenheit. Sie steigen in das Auto und fahren ein Stück durch die Stadt, dann über Land. „Willkommen in unserer Heimat“, sagt Gitty und zeigt auf das sympathische Dorf, das in einer Mulde liegt.[…]

Luna ist innerlich zum Zerreissen gespannt. Sie ist völlig erschöpft. In der ersten Nacht bei Giorgio bekommt sie wenig Schlaf. Sonntag Morgen gegen neun gibt es Frühstück.

[…] Als sie die Tür zum Esszimmer öffnet, empfängt sie ein warmer Duft von frisch Gebackenem. Der Tisch ist reichhaltig gedeckt, und sogar ihr geliebter Tee, Earl Grey, steht dort. Gitty und Giorgio begrüßen sie mit einer Umarmung und sie setzt sich. Während des Frühstücks fällt ein wenig der Anspannung von ihr ab und sie kann ein bisschen erzählen. Während sie eines dieser leckeren Sesamhörnchen isst, kann sie von der Zugfahrt berichten. Luna ist mental noch nicht dort, bei diesen lieben Menschen, sie macht sich Sorgen, hat Ängste, teilweise sogar Panik. Gitty erzählt ihr von der Klinik. Wie es war, was sie dort erwartet. Nach dem Frühstück machen alle einen Spaziergang. Die Bewegung tut Luna gut. […]

Die Fahrt zur Klinik am Dienstag Morgen ist für Luna ein Höllentrip. Sie hat unglaubliche Angst.

[…] Später gehen sie dann zur Anmeldung bei der Stationssekretärin, dazu müssen sie ins Untergeschoss, erst einen langen Gang entlang, dann vorbei an Skulpturen, die Patienten modelliert haben. Draußen ist ein großer Garten. Es ist die Zeit der Knospen und Blüten. Das Frühjahr ist da und lässt die Pflanzen im schönsten Licht erscheinen. Aber Luna hat keinen Blick dafür. Sie schwitzt, taumelt und wünscht sich meilenweit weg. Sie setzen sich und warten noch ein wenig. Dann kommt der Arzt, nimmt Luna mit in sein Zimmer. Dort kommen die Fragen. Warum ist Luna hier? Was denkt sie, ist der Beweggrund? Was belastet sie? Luna muss schlucken. Sie ist hier, weil sie es in sich nicht mehr aushält. Sie ist hier, weil es um sexuellen Missbrauch verschiedener Art geht. Sie ist hier, weil sie deswegen trinkt. Sie ist hier, weil sie sich umbringen möchte.
Der Arzt taxiert sie eine Weile, schreibt etwas in die Akte und sagt: „Es geht hier doch um einiges. Wäre es für sie okay, nächste Woche zu kommen? Aufenthaltsdauer mindestens vier Wochen.“
Luna steht auf, bedankt sich und geht hinaus, wo Gitty und Giorgio warten. Draußen sacken ihr die Beine weg, Giorgio muss sie stützen. Die Anspannung war zu viel für sie. „Sie nehmen mich“, sagt sie, „sie nehmen mich kurzfristig auf. Sie werden mir Bescheid geben!“ […]

COPYRIGHT PONDERER_final

Innerhalb kurzer Zeit fäält ein Teil der Anspannung von Luna ab, als sie begreift, dass sie sehr schnell in die Klinik aufgenommen wird. SIe ist froh und angstvoll zugleich.