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Kapitel 12 – Brief an Gitty

Liebe Gitty,

es ist mir sehr schwer gefallen, diesen Brief zu schreiben. Ich verspüre ein schlechtes Gewissen und ich fühle die Schwere meiner Schuld Dir gegenüber. Ich kann nicht mehr tun, als es zu schreiben, wie es war und ist. Ich weiß, dass auch Du denkst, dass die Wahrheit das Einzige ist, was Dinge bewegen, ändern und auch zum Guten zurückführen kann.

[...] Du hast Dir in jeder Minute des Tages unendliche Mühe gegeben, mich zu verstehen, mir zuzuhören und mich zu beraten. Du hast mich umarmt, wenn es mir schlecht ging, Du hast mich behandelt, wie ein Familienmitglied! Ich durfte alles, ich bekam alles. Deine Güte gewann mit der Zeit so viel an Intensität, dass ich manchmal Angst vor Dir hatte.
Ich mochte Dich sehr. Ich werde niemals Deinen Schokoladenpudding vergessen, in den Du immer noch extra Nougatschokolade hinein gerührt hast. Du hast in dem Geschäft den Schlafanzug entdeckt, der Schäfchen-Motive hatte. Du hast mir so vieles Deiner Vergangenheit anvertraut und in vielem war unsere Geschichte auch ähnlich. Irgendwann kam dann aber der Moment, in dem ich mich verstecken musste. Meine Gefühle verstecken musste. Meine Gefühle für Deinen Mann, Giorgio. Oft war ich so unsicher, habe Giorgio vehement abgewehrt, weil ich Dich schützen wollte. Heute muss ich ganz ehrlich sagen, dass all das umsonst war. Ich war Giorgio verfallen. Mental und seelisch. […]

[…] Ich werde Dich nicht um Verzeihung bitten, weil ich weiß, dass Du es nicht annehmen kannst, was ich sehr gut verstehe. Daher kann ich Dir nur Abbitte leisten und hoffen, dass Dein und Giorgios Leben und auch das Leben Eurer Familie wieder zum normalen, liebevollen Alltag gefunden hat.
Ich denke an Dich zurück und versuche, meine Gedanken zu ordnen. […]

[…] Im Juni 2013 habe ich erfahren, dass Du schwer erkrankt bist. Oft glaube ich, dass es meine Schuld war. Dass die schlimme Zeit, die Du mit mir hattest, Dich hat erkranken lassen. Ist es so?
Ich wage es nicht, darüber nachzudenken… ich wage es nicht… vergib mir… […]

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