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Kapitel 13 – Erste Episode

In Kapitel 13 hinterlässt der Klinikbesuch erste Spuren. Mit Giorgio kann Luna eine erste „Beichte“ teilen. Sie erzählt eine Episode aus ihrer Leidensgeschichte. Erzählt sie auch dem Therapeuten dort.

[…] Luna fühlt sich ertappt. Ertappt dabei, wie sie das Gefühl „Mut“ als gutes und erfreuliches Gefühl erlebt. Aber Luna weiß, es ist von sehr kurzer Dauer. Sie darf nun mal nicht positiv fühlen oder denken, das verhindern schon die Stimmen in ihrem Kopf. Diese Stimmen… es sind derer drei: Alyssa, ihr dreckiges, ordinäres Gegenstück. Joon, ihr dunkles „Alter Ego“ und Luca, ein sanfter, schmaler, junger Mann. Er scheint nie Interesse für Luna zu hegen… oder er versteckt es gut…

Es ist ein Abend Mitte Februar 1987
Luna verbringt mit Aidan den Abend in der „Zwiebel“ in der Altstadt. Sie hat Spaß, viele Oldies kommen aus den Lautsprechern, das Bier und der Appelkorn fließen in Strömen. Außer den Beiden sind noch einige Freunde von Aidan anwesend, auch Petra ist da, mit der Luna sich ganz gut versteht. Gegen zwei Uhr nachts sinkt Lunas Kopf auf den Tisch, sie hat genug. Der Kellner kommt, will sie alle rausschmeißen, es ist Ladenschluss. Luna weigert sich, wehrt sich mit Händen und Füßen und wird auf die Straße gesetzt. Aidan und seine Freunde folgen. Einer von ihnen schlägt Aidan vor, die Nacht bei ihm zu verbringen. Es ist nicht weit, mitten in der Altstadt. In ihrem dösigen Kopf registriert Luna, dass es ein schöner Altbau ist, in dem er wohnt. Der Rest der Freunde hat sich schon verabschiedet. Aidan und Luna folgen Aidans Freund in den alten Aufzug, der bis in die vierte Etage fährt. Dort angekommen trinken sie noch einen Kaffee, aber Luna bittet darum, schlafen gehen zu dürfen. Sie ist völlig daneben. Aidan schließt sich an. Sein Freund zeigt ihnen ein Zimmer mit einer Matratze auf dem Boden, er richtet ihnen Kissen und eine Decke und geht dann nach nebenan. Aidan fängt an, seine Hand zwischen Lunas Beine zu stecken, reibt sie dort, fest und unangenehm. Er legt sich auf sie, drückt ihre Hose herunter. Luna selber kann kaum reagieren, weil sie so betrunken ist, sagt aber laut: „Lass mich in Ruhe, Du Wichser!“ Kurz darauf geht die Tür auf und Aidans Freund kommt herein. „Lass sie in Ruhe,“ herrscht er Aidan an. „Es ist wohl besser, wenn ich zu Euch komme!“ Er legt sich auch auf die Matratze, Luna liegt in der Mitte. Eine Weile ist Ruhe. Aidan macht inzwischen die typischen Schlafgeräusche eines Betrunkenen. Da fühlt Luna seines Freundes Hand an ihrem Oberkörper entlang gleiten. Er berührt ihren Busen, wandert weiter nach unten in ihren Slip. Dort stößt er seinen Finger in ihre Spalte. Luna ächzt erschrocken auf. Er legt ihr die Hand auf den Mund und stößt mit seinen Fingern zu. Dann nimmt er die Hand vom Mund und will sie küssen. Luna ist so betrunken, dass sie es zulässt, ihr ist nur übel und alles irgendwie egal. Er legt sich auf sie, versucht, in sie einzudringen. Aber da stemmt Luna ihre Hände gegen ihn, drückt ihn zur Seite. Dort bleibt er liegen, atmet schwer, macht aber keinen weiteren Versuch. Nach einer ihr endlos erscheinenden Zeit, schläft Luna schließlich ein. Gegen sechs erwacht sie, steht auf und schleicht sich aus der Wohnung. Sie fühlt sich dreckig, geht zur Straßenbahnhaltestelle und wartet dort, so wie viele andere verkrachte Existenzen, die sich um diese Zeit dort tummeln… Luna fragt sich, was um alles in der Welt vorhin passiert ist. Sie hat noch nicht einmal Aidan bisher an sich ran gelassen, wie konnte dieser Typ es wagen?

Soll sie es erzählen? All das, alles das, alle Geschichten, alle Episoden, alle Unterwürfigkeiten? Sie fühlt sich nicht in der Lage dazu, kann ihre Therapeutin nicht damit belasten. Ist das der falsche Weg? SOLLTE sie es nicht erzählen?
Alles in Luna sträubt sich dagegen. Denn sie wird in einem schlechten Licht erscheinen, wird als Hure abgestempelt werden, als eine, „die es doch wollte!“ Sie wird die Böse sein, das Luder, die Schlampe. Also hält sie den Mund. Sagt, es gibt Bilder in ihr, die sie nicht näher beschreiben muss. Aber weil sie es nicht muss, gehen diese Bilder auch nie wirklich weg! Wegschließen nützt nichts. Denn Luna ist nicht ehrlich. Es läuft vor ihr ab wie ein Film. Ein Pornofilm. Etwas dreckiges, heuchlerisches, falsches. Luna hegt arge Zweifel gegenüber sich selbst. Sie weiß zwar, wenn sie sich manchmal reflektieren kann, dass dies alles aus dem jahrelangen Missbrauch durch ihren Bruder resultiert, dass sie sich deshalb Gewalt sofort unterordnet, gehorsam ist, erstarrt, sich nicht mehr wehren kann. Aber diese Momente der Reflektion sind selten und sie werden durch Schuldgefühle sofort wieder ausgelöscht, das Trauma ist einfach mächtiger als klare Gedanken. […]