Kapitel 11 – Giorgio

miri-rose_bearbeitet-1Es ist Ostersamstagmorgen. Luna wacht auf und spürt die elenden Nachwirkungen des Alkohols. Heute geht es los, nach Süden, zu Giorgio und seiner Frau Gitty. Am Dienstag Morgen hat sie einen Termin in der Klinik.

[…] Ihr Lebensgefährte bringt sie zum Bahnhof und wartet mit ihr auf den Zug. Da erst merkt Luna, wie gern sie da bliebe, bei ihm. Wie sehr sie ihn vermissen wird, wie wichtig er für ihre Bodenhaftung ist, und sie muss ein wenig weinen. Lehnt ihren Kopf an seine Schulter. „Ich liebe Dich“, sagt sie, und es ist die Wahrheit.
Der Zug fährt ein, ein letzter Kuss und Luna steigt ein in den Horror-Zug, der sie irgendwo hinbringen wird, wo sie nichts und niemanden kennt. Sie sitzt auf ihrem Platz. Sie schwitzt vor Nervosität und als der Zugbegleiter kommt und ihr Ticket sehen will, fällt ihr alles unter den Sitz. Sie muss auf die Knie gehen, um ihr Portemonnaie hervorzuholen. Sie zittert unkontrolliert, ihr Mund ist trocken und die Augen brennen. Es ist pure Angst, die sie verspürt. Der Zugbegleiter schaut sie etwas seltsam an, „sicher denkt er, ich bin sturzbetrunken“, sagt Luna zu sich und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Auf ihrer Fahrt nach Süden muss sie dreimal umsteigen. Das hält sie auf Trab, lässt sie etwas tun. Die Fahrt ist recht angenehm. Kein Gedränge, nette Sitznachbarn.
Am frühen Nachmittag ist sie kurz vor ihrem Ziel. Luna schält sich aus dem Sitz, zieht ihre Jacke an, kämmt sich noch einmal durch das Haar und positioniert sich an der Tür. Es dauert noch eine Weile, bis der Zug in den Bahnhof einfährt und voller Unruhe und Angst hört Luna das Quietschen der Bremsen und die Lautsprecher auf dem Bahnsteig. Jetzt! Jetzt muss sie aussteigen, allem ins Gesicht sehen. Gut, dass sie vorher ein Foto geschickt hat, so wird man sie vielleicht erkennen.
Sie geht unsicher die Stufen des Waggons hinunter und schaut sich um. Dort hinten, ein Stück weiter weg, dort stehen sie! Sie erkennt sie sofort, auch sie wird erkannt. Luna wird umarmt und willkommen geheißen, Giorgio nimmt ihr die Tasche ab und sie gehen zum Aufzug. Fragen nach der Fahrt überbrücken die erste Verlegenheit. Sie steigen in das Auto und fahren ein Stück durch die Stadt, dann über Land. „Willkommen in unserer Heimat“, sagt Gitty und zeigt auf das sympathische Dorf, das in einer Mulde liegt.[…]

Luna ist innerlich zum Zerreissen gespannt. Sie ist völlig erschöpft. In der ersten Nacht bei Giorgio bekommt sie wenig Schlaf. Sonntag Morgen gegen neun gibt es Frühstück.

[…] Als sie die Tür zum Esszimmer öffnet, empfängt sie ein warmer Duft von frisch Gebackenem. Der Tisch ist reichhaltig gedeckt, und sogar ihr geliebter Tee, Earl Grey, steht dort. Gitty und Giorgio begrüßen sie mit einer Umarmung und sie setzt sich. Während des Frühstücks fällt ein wenig der Anspannung von ihr ab und sie kann ein bisschen erzählen. Während sie eines dieser leckeren Sesamhörnchen isst, kann sie von der Zugfahrt berichten. Luna ist mental noch nicht dort, bei diesen lieben Menschen, sie macht sich Sorgen, hat Ängste, teilweise sogar Panik. Gitty erzählt ihr von der Klinik. Wie es war, was sie dort erwartet. Nach dem Frühstück machen alle einen Spaziergang. Die Bewegung tut Luna gut. […]

Die Fahrt zur Klinik am Dienstag Morgen ist für Luna ein Höllentrip. Sie hat unglaubliche Angst.

[…] Später gehen sie dann zur Anmeldung bei der Stationssekretärin, dazu müssen sie ins Untergeschoss, erst einen langen Gang entlang, dann vorbei an Skulpturen, die Patienten modelliert haben. Draußen ist ein großer Garten. Es ist die Zeit der Knospen und Blüten. Das Frühjahr ist da und lässt die Pflanzen im schönsten Licht erscheinen. Aber Luna hat keinen Blick dafür. Sie schwitzt, taumelt und wünscht sich meilenweit weg. Sie setzen sich und warten noch ein wenig. Dann kommt der Arzt, nimmt Luna mit in sein Zimmer. Dort kommen die Fragen. Warum ist Luna hier? Was denkt sie, ist der Beweggrund? Was belastet sie? Luna muss schlucken. Sie ist hier, weil sie es in sich nicht mehr aushält. Sie ist hier, weil es um sexuellen Missbrauch verschiedener Art geht. Sie ist hier, weil sie deswegen trinkt. Sie ist hier, weil sie sich umbringen möchte.
Der Arzt taxiert sie eine Weile, schreibt etwas in die Akte und sagt: „Es geht hier doch um einiges. Wäre es für sie okay, nächste Woche zu kommen? Aufenthaltsdauer mindestens vier Wochen.“
Luna steht auf, bedankt sich und geht hinaus, wo Gitty und Giorgio warten. Draußen sacken ihr die Beine weg, Giorgio muss sie stützen. Die Anspannung war zu viel für sie. „Sie nehmen mich“, sagt sie, „sie nehmen mich kurzfristig auf. Sie werden mir Bescheid geben!“ […]

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Innerhalb kurzer Zeit fäält ein Teil der Anspannung von Luna ab, als sie begreift, dass sie sehr schnell in die Klinik aufgenommen wird. SIe ist froh und angstvoll zugleich.

Kapitel 10 – Angstvolle Erinnerung

Im zehnten Kapitel ist es kurz vor Lunas Besuch bei Giorgio und Gitty. Sie ist sehr instabil und erinnert sich an einen der unzähligen Vorfälle mit Aidan. Sie haben wie fast immer einen elenden Streit, der auch in körperliche Gewalt ausartet. Luna verlässt die gemeinsame Wohnung und setzt sich im Park gegenüber auf eine Bank. Sie ist betrunken und stoned genug, um dort schlafen zu wollen.

[…] Eine Gruppe ausländischer Jugendlicher kam irgendwann des Weges. Sie scharten sich gleich um Luna. Einer versuchte, an ihre Hosentaschen zu gehen, wahrscheinlich in Erwartung von Geld. Luna hatte noch genug Alkohol intus um ihm ins Gesicht zu schlagen, eigentlich mehr aus Wut, als aus Furcht. Seine Freunde lachten ihn aus, einer davon gab Luna eine Ohrfeige, sie beschimpften sie dann in einer ihr unbekannten Sprache. Danach gingen sie weiter. Luna hatte große Angst und dann sah sie Aidan auf dem Balkon, hörte ihn herüber grölen, „Siehst Du, Du Fotze, so geht es, wenn Du Dich nicht benimmst!“ Luna nestelt in ihrer Hosentasche herum um ein Taschentuch herauszuholen, sie muss weinen, schnäuzt sich und steckt das Taschentuch wieder ein. Erst da bemerkte Luna, dass sie ihren Wohnungsschlüssel vergessen hatte. Sie blieb einfach sitzen, wo sie war, ihr war alles egal. Es dämmerte mittlerweile schon. Eine gefühlte Ewigkeit später kam Aidan endlich. Luna war total durch gefroren, wollte nur ins Bett. Aidan sagte: „Du darfst sofort ins Bett“. Es würde nur ein bisschen „Arbeit“ kosten. Was sollte sie tun? Sie ist mitgegangen, Aidan hat dann mehrmals versucht sie zu vergewaltigen, obwohl er eigentlich körperlich nicht mehr dazu in der Lage war.
Luna hat in dieser Nacht nicht mehr geschlafen, denn sie musste um sechs wieder zur Arbeit gehen. Sie fühlte sich dreckig, beschmutzt, unausgeschlafen. Sie dachte, jeder würde ihr ansehen, was sie mit sich hat machen lassen. […]

In einer Mail an Giorgio erklärt sie ihre Angst.

[…] Mail an Giorgio:
„Es ist wie eine Welle, die im Zeitlupentempo innerhalb von Stunden über mir zusammenschlägt und mich dann am Boden liegend findet. Morgens, nach dem Aufstehen, ist es nur ein dumpfes Gefühl der Beengtheit, des Eingesperrt-Seins. Mehr (vor)ahnend, dass es nicht gut enden wird. Im Laufe des Vormittags beginnen die Schmerzen. Sie wachsen aus dem Magen heraus, drücken auf den Solar Plexus. Zwängen sich an meinem (manchmal stechenden) Herzen vorbei und blockieren die Kehle. Rauben mir die Luft und lassen mein Herz und meine Rippen pumpen. Die Angst hat mich komplett im Griff, ich weiß nicht, was mit mir geschieht. Gegen Mittag fühle ich mich unruhig, gespannt, nervös. Kann nichts essen. Und die Übelkeit beginnt. Am frühen Nachmittag wird es dann unerträglich. Innerlich zerspringe ich. Ich musste mich heute zweimal übergeben. Aus Angst.
Aus maßloser, unverhältnismäßiger, unkontrollierbarer Angst!
Und gleichzeitig sind die Zweifel da, die genau so stoisch nagen und um keinen Deut abweichen wollen in diesen Momenten. Ich bin so aggressiv, gegenüber mir selbst und auch gegenüber meinen Mitmenschen. Bin maßlos, gemein, sicherlich kein Vorbild mehr! Ich bin zu dieser Zeit „unkontrolliert“. Wir beide, Luna und Lunetta, sind nicht mehr auseinander zu dividieren. Denn es ist keine Kontrolle mehr da, über die Gefühle. Ich bin am Boden. Kann nicht mehr.“ […]

Noch ein Tag, bevor sie in den Zug steigt, um Giorgio und Gitty das erste Mal zu treffen.

[…] Am Karfreitag morgen erwacht sie sehr spät. Sie macht für ihren Lebensgefährten und sich erst gegen halb zwölf Frühstück. Schon jetzt hat sie diese grummelnde Angst im Bauch. Sie muss heute die Tasche packen. Am Samstagvormittag fährt ihr Zug – 400 km weit nach Süden.
Quälend langsam holt sie die Reisetasche aus dem Schrank. Es ist erst Mittag aber sie gießt sich den ersten Brandy ein. Stellt ihn auf die Fensterbank im Schlafzimmer und legt die Tasche auf das Bett. Sie hat sich eine Liste gemacht mit den Dingen, die sie mitnehmen muss. Sie sieht die Liste noch einmal durch und trinkt den ersten großen Schluck. Es brennt an allen Schleimhäuten, im Magen, im Mund. Luna zittert, ihre Hände gehorchen ihr nicht. Schnell der zweite große Schluck. Dann beginnt sie, einzupacken. Unterwäsche, Socken, Hosen. Zwei Hemdblusen, einen Pullover. Das Ladegerät ihres Handys und natürlich den iPod. Ein paar Accessoires und Waschzeug. Sie ist schnell fertig und es bleibt ihr nichts anderes mehr, als weiter zu trinken. Gegen 17:00 kocht sie etwas für sich und ihren Lebensgefährten und macht eine Flasche Wein auf. Sie trinken vor dem Essen noch einen Sherry. Einen Aperitif. Alles, was Alkohol hat, nimmt Luna an, er hilft ihr, die Zeit zu überstehen. Nach dem Essen packt sie noch ihre Umhängetasche mit allen wichtigen Dingen. Portemonnaie, Schlüssel, Fahrkarte, Zigaretten, Feuerzeug, Handy, etwas zum Lesen. […]

[…] Sie geht heute früh ins Bett. Müde vom Träumen, vom Herumlaufen und von dem andauernden Schauspiel, das sie jeden Tag auf ein Neues für ihren Lebensgefährten aufführt. Nur um ihm den Eindruck zu vermitteln, dass sie selbstsicher ist. Und um für sich selbst die Illusion aufrecht zu erhalten, dass sie Kontrolle über ihr Leben hat, eine Kontrolle, die sie früher einmal abgegeben hatte und deshalb nie mehr abgeben will. Gleichzeitig ist sie ihrem Lebensgefährten unendlich dankbar, dass er ihr die Möglichkeit und das Vertrauen gibt, sich selbst zu suchen. Sie liebt ihn. Für seine Bodenständigkeit, seine Treue und seinen Humor.
In dieser Nacht träumt sie, sie könne endlich fliegen, wirklich unendlich frei fliegen. Und es geht ihr gut dabei. […]

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Weggeschickt, und doch – scheiss Abhängigkeit

Lunetta_finalJA DOCH! JA!

Ich habe sie weggeschickt. Ich wollte sie nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Ich wollte sie nicht mehr belasten. Und ich wollte nicht mehr ihre Gedanken und Ideen hören, die mich immer wieder zum Nachdenken zwingen! Warum tue ich das also? Warum werde ich schwach und muss auf sie zurückgreifen? Warum nur fühle ich mich gedemütigt, hoffnungslos und unfähig, für mich alleine zu sorgen? Warum habe ich Angst und Skrupel, ihre Ideen und Kommentare zuzulassen?

Scheiss verdammte Abhängigkeit!

Ich weiß nichts mehr. Gar nichts.

Slackline

slacklineEs ist ein Balanceakt.

Seit zwei Jahren bin ich auf der Suche nach einem Therapeuten, der eine Trauma-basierte Therapie anbietet. Ich habe jemanden gefunden, gar nicht weit weg. Und nun traue ich mich nicht ihn anzurufen. Das ist verrückt, oder? Oh, ich brauche so sehr einen Menschen, der mich im Ansatz versteht! Einen Menschen, der ojektiv sein kann. Darf ich das überhaupt erwarten? Erwarte ich nicht einfach immer zu viel? Geht es Euch nicht genau so?

Kapitel 9 – Robert

Luna erinnert sich an Robert. Ihren ersten Freund. Er hat sich umgebracht.

[…] Heute Nachmittag, gegen 15:00, kommt ihr Lebensgefährte zurück! Das wird ihr schmerzlich bewusst und sie quält sich ins Badezimmer, fällt dabei über ihre eigenen Füße, als sie versucht, die Kurve zu kriegen. Sie geht zurück, zieht sich komplett aus und stellt sich vor den Spiegel im Schlafzimmer. Betrachtet eingehend ihren Körper. Das kann sie sonst nicht, aber jetzt ist es ihr egal, denn was hat sie noch zu verlieren? Ihren Verstand hat sie schon hinter sich gelassen, denkt sie. Sie registriert ihre Körperfülle, ihre großen Brüste, ihren Bauch, den sie abgrundtief hasst. Sie sagt „Scheiße“ in den Spiegel und geht langsam ins Badezimmer, um sich zu duschen. Heute bleibt es nur beim Abseifen mit dem Schwamm und sie cremt sich mit viel Mühe danach ein. Mehr, weil es sein muss, als dass sie es will. Zum späten Frühstück kocht sie sich ein Ei, macht sich Tee und isst danach noch einen Toast mit Erdnussbutter und Marmelade. Eigentlich viel zu viel um ihrer körperlichen Fülle Herr zu werden. Danach legt sie sich wieder auf ihr Bett und lässt den gestrigen Abend an sich vorüberziehen. Und wieder überkommt sie dieses Gefühl, das Dringende, das Fressende. Sie macht das Radio an. Genesis läuft, wie passend! Sie dreht sich auf den Bauch, klemmt sich das Kissen zwischen die Beine und wiegt ihre Hüften im Takt vor und zurück. Sie denkt an Giorgio, der ihr immer wieder gesagt hat, sie solle vielleicht in eine Klinik gehen. Sich mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Was wäre die Alternative? […]

[…] Am Nachmittag fährt Luna zum Bahnhof um ihren Lebensgefährten abzuholen… […]

[…] Völlig in Gedanken ist sie auf einmal mitten in der Stadt, hat gar nicht darauf geachtet, wo sie hin fährt. Sie fährt an die Seite, hält an, muss tief Luft holen. Sie schaut nach rechts und sieht das Café. Das Café, in dem sie oft mit ihrem Freund Robert gesessen hat. Robert ist schon seit mehr als 18 Jahren tot. Er hat sich aus dem Fenster seiner Wohnung in den Tod gestürzt. Luna bekommt Tränen in die Augen und fragt sich, wieso sie gerade dort gelandet ist. Sie denkt zurück an die vielen Gespräche, die Wärme, die Verrücktheit, die Intelligenz ihres Freundes und wünscht sich nur, ihn noch einmal in den Arm nehmen zu können. Er war ein hochbegabter Mensch, hatte ein Faible für Schauspielerei. Mit Robert konnte Luna sich über alles unterhalten, Musik, Bücher, Politik, Sex, Gefühle. Er war der einzige Mensch in Lunas Leben, dem sie sich öffnen konnte. Inzwischen weint sie sehr und sieht Roberts Grab vor ihren Augen, sieht sich dort stehen, wie sie es regelmäßig mehrmals im Jahr tut. […]

 

Bitte – zähme mich!

bullyland-comicwelt-der-kleine-prinz-resin-10648671Im achten Kapitel des Buches ist Luna an einem Wochenende allein. Ihr Lebensgefährte ist verreist. In einem absolut intensiven Moment kann sie – auch mithilfe des Alkohols –  die Gefühle, die sie Giorgio gegenüber empfindet, endlich mal für sich aussprechen. Und sie denkt an eines ihrer Lieblingsbücher: „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Éxupery.

[…] Gegen Samstagnachmittag fühlt Luna sich besser. Sie ist unruhig und bewegungsbedürftig. Also zieht sie ihren Jogging-Anzug und ihre Turnschuhe an und macht sich auf den Weg, nicht ohne vorher einen kleinen Cognac zu trinken. Für den Kreislauf, sagt sie zu sich und muss über sich selber lachen. Die ersten fünf Minuten geht sie schnell, dann beginnt sie zu laufen. In ihrem Rhythmus. Es geht gut, sie fühlt sich fit und ist über ihre Kondition erstaunt. Acht Kilometer läuft sie an diesem Tag, ohne Probleme. Gegen 17:00 ist sie zu Hause. Sie setzt sich einen Moment hin, trinkt zwei Gläser Rum mit Orangensaft und geht dann unter die Dusche.
Sie macht das volle Programm, Peeling, Massage mit einem Schwamm, Rasieren. Sie fühlt sich gut, nach der Dusche gar noch besser. In ein großes Handtuch gewickelt und mit nassen Haaren geht sie ins Wohnzimmer. Sie ist immer noch hibbelig, euphorisch. Der Alkohol tut sein Übriges dazu. Sie macht die HiFi-Anlage an, in der noch ihre Lieblings CD liegt und dreht die Musik laut. Luna tanzt dazu und merkt, wie sie am Körper trocknet. […]

In ihr regen sich Gefühle, regen sich körperliche Reaktionen. Luna kann damit absolut nicht umgehen. SIe fühlt sich wie der Fuchs in dem Buch, der gezähmt werden möchte.

[…] Also muss sie ihre Zunge im Zaum halten, muss ihre Gedanken zurückhalten, muss sich selber zähmen, wie der Fuchs gezähmt werden möchte, muss sich zügeln und geißeln. Zähmung heißt Vertrauen, sagt sie sich. Aber Zähmung ist auch das Wissen darüber, dass man sich zurückhalten muss demjenigen gegenüber, der einen zähmen möchte. Also ist Zuneigung auch immer eine Form der Unterwürfigkeit, ist Nähe auch immer eine Art von Aufgeben. Also ist Liebe auch immer gepaart mit Kümmernis. Lunas Gedanken verwirren sich, sie gibt es auf, darüber nachzudenken und holt sich ein neues Glas. Dieses Mal Wodka mit Grapefruitsaft.
„Bitte, zähme mich.“ Hört Luna sich laut sagen, „Bitte, zähme mich!“ Ich bin dein, gehöre dir, du gibst mir alles. Bitte zähme mich. Und Luna verdammt sich für diese Worte, verflucht sich für das innige, brennende Gefühl, das sie Giorgio gegenüber verspürt. Denn es darf nicht sein. […]

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Kapitel 7 – Kokoscremefüllung

In diesem Kapitel erzählt Luna vom Tod ihrer Mama im Februar 2006.

[…] Luna bäckt eine Schokoladentorte mit Kokoscrèmefüllung. Die mag ihre Mutter besonders gerne und Luna hofft, sie damit zum Essen bewegen zu können.
Es ist halb drei nachmittags, die Torte steht bereit, Lunas Lebensgefährte und ihr damals neunzehnjähriger Sohn machen sich fertig zum Gehen. Um drei Uhr wollen sie sich mit
Lunas Vater im Krankenhaus treffen. Um fünf Minuten nach halb drei geht das Telefon,
Lunas Vater ruft an. „Meine Lieben,“ sagt er, „ich muss euch sagen, dass Eure liebe Mutter und Oma eben gestorben ist.“ Das war typisch für ihren Vater, diese Ausdrucksweise, wenn er besonders bewegt ist.
„Was?“ fragt Luna. Sie versteht nicht. Will nicht verstehen. Die Stimme ihres Vaters kämpft mit den Tränen. Luna sagt: „Wir kommen zum Krankenhaus. Wir kommen.“
Ihr Lebensgefährte fährt, Luna schafft es jetzt nicht. Sie betreten das Krankenhaus, dessen Intensivstation Luna schon so gut kennt, und fahren in den dritten Stock. Luna steht vor der Zimmertür ihrer Mutter und klopft leise. Sie hört ein leises „Ja“ ihres Vaters und öffnet die Tür.
Auf dem Nachttisch steht ein Strauß zweifarbiger Tulpen, die ihr Vater noch mitgebracht hat. Und ein sonnengelbes brennendes Teelicht. Die Schwestern haben es dort hingestellt. Ihre Mutter liegt im Bett, die Decke ist bis zur Brust hochgezogen. Sie sieht aus wie immer. „Darf ich sie berühren?“ fragt Luna ihren Vater. „Natürlich!“ sagt er.
Luna setzt sich auf die Bettkante, streichelt zögerlich das Gesicht ihrer Mutter und registriert, wie weich und jung sich ihre Haut anfühlt. Sie legt eine Hand an die rechte Wange ihrer Mutter und denkt: „Es tut mir leid! Es tut mir so leid!“ Ihr Sohn kommt zu ihr, mit Tränen in den Augen. Er hat seine Oma sehr geliebt, ist zum Teil bei ihr aufgewachsen. […]

Später ist Luna wieder zu Hause. Ihr Sohn trifft seinen besten Freund. Luna weiß, dass er dort gut aufgehoben ist.

[…] Sie gießt sich einen dreifachen Cognac ein, wankt zur Couch und macht die Stereoanlage an. Sie setzt sich die Kopfhörer auf und legt ihre Lieblings-CD ein, „In the Eye of the Storm“ von Roger Hodgson. Je lauter, desto besser. Die ganze CD hindurch kann sie hemmungslos weinen, schreit ihre Wut in stummer Artikulation heraus. Tanzt dazu, bewegt sich, lacht über sich, wenn sie torkelt. Luna genießt die Ambivalenz ihrer Gefühle, das Weinen, das innerliche Schreien, das Tanzen, das Zusammensacken.
Es hat für sie etwas Ekstatisches, etwas Perverses, wenn sie sich im Rhythmus bewegt. Niemals zuvor hat sie es so gefühlt, spürt aber, dass es in diesem Moment unpassend ist. Doch die Hemmschwelle ist lange überwunden, sie fühlt etwas in sich, das sie nicht kennt. Sie möchte es als Sehnsucht bezeichnen, doch das kommt diesem Gefühl nicht im Entferntesten nahe. Sie setzt sich wieder und lässt dieses Gefühl auf sich einwirken. Es ist eine Art innere Anspannung, sie beinhaltet Hemmungslosigkeit, Freiheit, Sehnsucht, Mitleid, Zweifel und Perversion. Sie kann damit nichts anfangen, empfindet es und schiebt es dann gedanklich weit von sich. […]

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Kapitel 7 – Brief an meine Mama

Vor Kapitel 7 schreibt Luna einen Brief an ihre Mama, die 2006 gestorben ist und deren Tod wohl der Auslöser für Lunas beginnenden Erinnerungen war…

[…] Erst heute erkenne ich, wie streng und konsequent Deine und Papas Erziehung war. Und oft wünsche ich mir, es wäre nicht so gewesen. Du hast versucht, mich so zurecht zu biegen, wie Du einmal sein wolltest. Das Seltsame ist, dass ich von Dir gehört habe dass Du eigentlich damals genau so warst… aber Du hast es niemals so gesehen. So sehe ich es für Dich und für mich gemeinsam. Heute. Ich verzweifle daran, dass ich niemandem klar machen kann, was für eine Persönlichkeit Du warst!
Das Wichtigste und Schwierigste in Deinem Leben war, mich zu lehren meinen Sohn zu lieben und seine Persönlichkeit zu fördern. Das habe ich als letztes von Dir gelernt und ich hoffe, Du kannst selbst im Tode sehen oder spüren, dass Deine Geduld und Konsequenz eine einzigartige Beziehung zwischen meinem Sohn und mir geschaffen haben. Meine Seele und mein Herz schicken Dir immer wieder ein „Update“… […]

[…] Nachdem Du nicht mehr warst, konnten all die bösen Geister meiner Vergangenheit mich offen und skrupellos angreifen. Denn Du musstest nicht mehr mit ansehen, was mein Bruder und Aidan mir wirklich angetan haben. […]

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